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Persönlichkeitstraining, Coaching und Seminare allgemein
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InfoTipp 3: Persönlichkeitstrainings |
Faule Geschäfte der Lebenshilfe-Ratgeber:
Die absurden Versprechen von Ratgebern
- Seminare, Coaches und Bücher für den Erfolg
- Glück: Was Therapie im Gehirn bewirken kann
Eine rasant wachsende Zahl von Beratern und Coaches
verspricht Menschen den kurzen Weg zu Erfolg und Glück. Dass ihre
Behauptungen keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten,
stört weder sie noch ihre Kunden.
Der jungen Ehefrau reichte es: Wenn ihr Mann nicht zu
einem Psychotherapeuten gehe, so ihre verzweifelte Drohung, würde
sie ihn verlassen. Der Eskalation im Eheleben war eine schleichende
Verwandlung des Mannes vorangegangen. Er hatte sich in einen regelrechten
Superman verwandelt, der alles schafft – dachte er. Seine Frau
und seine Freunde sahen ihn anders. Sie litten unter seiner zunehmenden
Arroganz, seiner Unfähigkeit, Kritik zu ertragen. Und sie waren
besorgt über den immer gespenstischeren Realitätsverlust des
35-jährigen EDV-Unternehmers: Selbst als er zum wiederholten Mal
mit einer selbst gegründeten Firma in die Pleite geschlittert war,
blieb sein überdrehter Enthusiasmus ungetrübt.
„Er war so fest davon überzeugt, dass es keiner mit ihm aufnehmen
konnte, dass ich im Gespräch kaum zu ihm durchdringen konnte“,
erinnert sich der Psychotherapeut Günter Scheich aus Oelden in
Nordrhein-Westfalen an den stockenden Start in die Therapie. Drei Monate
plagte er sich mit dem schwierigen Patienten, erst dann dämmerte
es dem Pleitier, dass er ein ernstes Problem hatte. Die Diagnose des
Therapeuten: selbst antrainierte Überheblichkeit, akute Wirklichkeitsverweigerung,
krankhaft übersteigerter Erfolgshunger.
Selbst ernannte Gurus.
Als Ursache für den bedenklichen Geisteszustand konnte Scheich
ein Seminar ausmachen, das sein Patient zwei Jahre zuvor besucht hatte.
Dort hatte ihm ein Motivationstrainer von offener Bühne herab das
vermeintliche Geheimnis zur Erlangung des allumfassenden Glücks
verraten: Er müsse sich bloß von trübsinnigen Grübeleien
befreien und sich stattdessen stets auf sein Ziel konzentrieren. Rückschläge,
so war ihm eingebläut worden, könne nur erleiden, wer seine
Gedanken nicht eisern im Zaum hält. Kurz gesagt: Er müsse
fortan ausschließlich positiv denken.
Fachleute schütteln angesichts
solch simpler Psycho-Patentrezepte ratlos den Kopf. „Wenn ich
Erfolg haben will, sollte ich doch realistisch denken und nicht gekünstelt
positiv“, meint etwa Brigitte Lueger-Schuster vom Institut für
klinische, biologische und differenzielle Psychologie der Universität
Wien. „Schließlich brauche ich eine richtige Einschätzung
der Situation, um adäquate Entscheidungen zu treffen.“ Kühle
Logik hilft jedoch nicht viel gegen die verlockenden Versprechungen
eines wachsenden Heeres von Motivationsgurus und Beratern, halbseriösen
Therapeuten, hochstaplerischen Coaches und geschäftstüchtigen
Bestsellerautoren. Vollmundig stellen sie in Aussicht, dass mit ihrer
Hilfe alle persönlichen und beruflichen Ziele erreichbar wären.
Das Ego könne stufenlos optimiert, die Persönlichkeit perfektioniert,
der Verstand flexibel genug für die Anforderungen eines wechselvollen
Arbeitslebens gemacht werden – all das angeblich ohne großen
Aufwand: Zu langsam auf der Karriereleiter unterwegs? Kein Problem,
im zweitägigen Seminar wird „Selbstmotivation im Verkauf“
gelehrt, inklusive Tipps zur „Steuerung der eigenen Einstellung“.
Der anbrechende Herbst macht trübselig?
Gut, dass beim Buchhändler der Band „Optimismus-Training“
parat steht – mit herausnehmbarem Folder, damit der mieselsüchtige
Leser die wichtigsten Aufmunterungstechniken jederzeit trainieren kann.
Schon wieder eine Beziehung in die Brüche gegangen? Keine Sorge,
eine mehrjährige Psychoanalyse braucht es nicht mehr, um die Gründe
dafür aus dem Unterbewusstsein zu graben. Die derzeit besonders
schicke „Familienaufstellung“, bei der unbeteiligte Personen
das Beziehungsgeflecht des Klienten nachstellen, bringt manchmal schon
nach fünf Minuten die erlösende Antwort.
Dass es für fast keine der angebotenen
Techniken einen wissenschaftlichen Nachweis einer positiven Wirkung
gibt, dass manche sogar gesundheitsgefährdend sind,
schreckt offenbar nicht ab – vielleicht ist es gerade das
Geheimnisvolle, das unerklärlich Mysteriöse, das die Hoffnung
auf eine wundersame Wesensänderung nährt. Und so treffen die
Angebote der selbst ernannten Lebens-Wandler auf eine große und
dankbare Zielgruppe. „Fast jeder Mensch ist nicht ganz zufrieden
mit sich, fühlt eine Diskrepanz zwischen seinem aktuellen Ist-Zustand
und einem angestrebten Soll-Zustand“, analysiert der renommierte
Neuropsychologe Giselher Guttmann, Vizerektor der Sigmund Freud Universität
in Wien. „Der Wunsch nach Veränderung ist da legitim und
verständlich.“
Psychologen, Psychotherapeuten und Hirnforscher
haben mit ihren Bedenken einen schweren Stand. Dabei können sie
durch eine Reihe neuerer Erkenntnisse besser als bisher belegen, dass
ein Mensch seine grundlegenden Eigenschaften und Stimmungen eben nicht
so einfach ändern kann – auch wenn er selbst es noch
so gern tun würde: Genetiker in North Carolina konnten an Fruchtfliegen
– einem der beliebtesten Tiermodelle in der Biologie – nachweisen,
dass Eigenschaften wie Aggression oder Umtriebigkeit fix in den ererbten
Genen der Insekten einprogrammiert sind. Und sie entdeckten, dass bei
einem Teil der Insekten nicht einmal eine drastische Veränderung
der Umwelteinflüsse zu einer Veränderung des Verhaltens führte.
Sie vermuten, dass es auch unter Menschen derart wandlungsresistente
Exemplare gibt.
Bei Untersuchungen der Hirnaktivität
von Menschen konnten Wissenschafter nachweisen, dass es bis zu 6000
Übungsstunden braucht, um tiefsitzende Empfindungen langfristig
zu verändern – ein weiterer Hinweis darauf, wie schwer es
ist, ungeliebte Eigenschaften abzulegen. Und schließlich können
Neurologen nachvollziehen, wie tief grundlegende Charaktereigenschaften
eines Menschen im Gehirn verankert sind. Die Grundlagen für das
Temperament etwa werden bereits in der siebenten Schwangerschaftswoche
angelegt. Später ist daran nichts mehr zu verändern. Und ob
jemand weltoffen, zupackend und risikofreudig ist oder misstrauisch,
zögerlich und risikovermeidend, entscheide sich bereits in der
frühen Kindheit, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth. „Diese
Dinge kann man, wenn überhaupt, nur in einer längeren psychologischen
Beratung oder einer Psychotherapie ändern“. Doch die Hoffnung
auf den radikalen Wandel im Leben, auf ein Geheimrezept für mehr
Glück und Zufriedenheit ist offenbar groß genug, um solche
Befunde zu verdrängen. Die Aussicht auf ein besseres Leben treibt
täglich tausende in den oft absoluten Unsinn.
Schlichte Botschaft. Der
erste Schritt zum auffrisierten „Ich“ führt viele ins
Internet. Hier können Interessenten ungeniert Bücher bestellen,
die ein aufgeklärter Mensch wohl kaum ohne Schamesröte im
Buchladen kaufen würde. Zum Beispiel das in den USA erstmals 1968
erschienene Werk „Denke nach und werde reich“. Das schmale
Bändchen verbindet Allerweltsweisheiten und Aphorismen, die so
eingängig wie falsch sind: „Armut und Reichtum sind beide
Schöpfungen des Glaubens“, ist da etwa zu erfahren. Oder:
„Verlangen Sie vom Leben viel – und das Leben wird Ihnen
entsprechend viel geben.“ Der Autor Napoleon Hill jedenfalls hat
viel bekommen: Sein Werk verkaufte sich bis heute weltweit 20 Millionen
Mal.
Noch rätselhafter der Erfolg von Rhonda Byrnes Bestseller „The
Secret“. Jeder könne alles haben, sein oder tun, wenn er
nur fest genug daran glaube, so die schlichte Botschaft des 256 Seiten
dicken Wälzers.
Beeindruckt vom Erfolg
des Buchs, versuchen nun weitere Verlage, das „Secret“ für
sich zu nutzen: Der Deutsche Medizinjournalist Ulrich Görres schob
dem Bestseller sein „Secret EFT“ hinterher. Das soll all
jenen helfen, die mit Byrnes Versprechungen kein Glück hatten.
Görres empfiehlt eine Art Klopf-Akupunktur zur Auflösung von
„hemmenden Glaubenssätzen“, die verhindern, dass sich
Byrnes kosmisches Füllhorn über ihren Fans ergießt.
Doch auch unter aufgeklärten Menschen ist die Arbeit am Ego längst
zur Bürgerpflicht geworden. Sich dafür gewerbliche Hilfe zu
holen, gilt nicht mehr als Schwäche. Teure Investitionen in die
eigene Persönlichkeit sind längst zum Statussymbol geworden.
Wer früher davor zurückschreckte, Freunden eine Psychotherapie
einzugestehen, verlautbart jetzt stolz, seine Probleme mit einem so
genannten Coach zu diskutieren. Die Umetikettierung macht es auch Konzernen
leichter, Psychoberater ins Haus zu holen, etwa um die Zusammenarbeit
in einzelnen Abteilungen zu optimieren. Bis zu 2500 Euro pro Gesprächseinheit
zahlen Wirtschaftsbosse, die ihre einsamen Entscheidungen mit neutralen
Gesprächspartnern in Ruhe abwägen wollen. Insgesamt, so mutmaßte
kürzlich die Wochenzeitung „Die Zeit“, habe in Deutschland
jede zweite Führungsperson ihren ständigen Coach.
So ist innerhalb weniger Jahre ein aufnahmefähiger Arbeitsmarkt
für Berater und Helfer entstanden: Allein in Deutschland sind rund
35.000 Wirtschaftscoaches aktiv, doch nur 3500 davon traut das „Manager
Magazin“ eine halbwegs kompetente Beratungsleistung zu. Die coachende
Mehrheit sei dagegen nicht besonders gut ausgebildet – oder übermäßig
kreativ. Ein Berliner Berater etwa meint, schon aus dem Namen von Unternehmen
auf deren künftiges Abschneiden bei Übernahmekämpfen
schließen zu können. Noch unübersichtlicher wird das
Angebot, sobald es um persönliche Beratungen geht: So bieten in
Österreich 2000 freiberufliche Lebens- und Sozialberater ihre Dienste
an. Sie müssen immerhin einen zweieinhalbjährigen zertifizierten
Lehrgang in einem von mittlerweile bereits 59 Trainingsinstituten durchmachen.
„Dafür dürfen die Absolventen Einzelpersonen coachen“,
sagt Leo Klimt, Bundesvorsitzender der Lebens- und Sozialberater in
der Wirtschaftskammer. „Persönlichkeitscoaching ist sonst
laut Gesetz nur Psychologen und Psychotherapeuten erlaubt.“
Psycho-Tricks. Doch im
entlegenen Seminarhotel, zum Beispiel auf dem Weg zum ebenmäßigen
Astralkörper, zählen die Paragrafen offenbar nicht viel: Immer
wieder bekommt Klimt Klagen über unqualifizierte Trainer auf den
Tisch, die ihre Klienten mit Psychotricks traktieren. Etwa bei einem
Kreativitätsseminar für Medienmitarbeiter. Die Trainerin brachte
einzelne Teilnehmer dazu, ihre Probleme im Privatleben und am Arbeitsplatz
vor der Gruppe auszubreiten. Einer jungen Frau fiel die charismatische
Seminarleiterin unvermittelt ins Wort. „Wenn du so weitermachst,
wirst du an Krebs erkranken“, so die völlig aus der Luft
gegriffene Prophezeiung, die bei der Seminarteilnehmerin für tiefe
Erschütterung sorgte.
Von solchen Scharlatanen
ist es nur noch ein kleiner Schritt zu den mitunter skurrilen Methoden
der esoterisch verfassten Heiler und Helfer. Immerhin 15.000 Menschen
arbeiten in Österreich offiziell als Energethiker, der eingefügte
Buchstabe „h“ soll auf die hohen ethischen Standards der
Branche verweisen. Doch festgeschriebene Regeln gibt es in der Zunft
keine. Ohne jeglichen Qualifikationsnachweis dürfen die Freistilheiler
jeden selbst erfundenen Hokuspokus einsetzen, um ihre Klienten in eine
„körperliche oder energetische Ausgewogenheit“ zu versetzen.
Da werden warme Steine auf den Rücken gelegt, Aurasprays versprüht
und Hände – je nach Vorliebe des Energethikers – mal
knapp über den Kopf, mal mit sanftem Druck auf den Bauch gehalten.
Cornelius Selimov macht sich die Energethiker-Aufgabe nicht leicht.
Der ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter des Boltzmann-Instituts
für Stoffwechselerkrankungen hat sich eine komplexe Theorie über
den „Energiekörper“ des Menschen zurechtgelegt. Demnach,
so erklärt er, hat jeder seiner Klienten unbewusste „Programme“
oder Prägungen abgespeichert. Um blockierende „Software“
zu ändern, arbeitet Selimov mit „tief feinstofflichen Ebenen“:
Zunächst wird die Wohnung der Klienten nach 4500 Jahre alten fernöstlichen
Feng-Shui-Regeln zurechtgerückt, um „dissonante Schwingungen“
zu harmonisieren. Mit aufwändigen Berechnungen könne man sogar
auf die individuellen Bedürfnisse seiner Klienten Rücksicht
nehmen, so Selimov. „Es gibt Konstellationen, die unterstützend
beispielsweise für Leute mit einer Lebererkrankung, aber ungünstig
für Menschen mit Beziehungsproblemen sind.“
Wenn das noch nicht reicht, hilft der Blick in den Himmel, um „kosmischen
Rückenwind zu gewinnen“. Mittels chinesischem Horoskop ermittelt
er, unter welchem Einfluss das laufende Jahr für seine Kunden steht.
„So kann man etwa ganz klar sehen, ob eine Übersiedelung
in den nächsten Monaten vielleicht auf Widerstände stoßen
würde.“ Selimovs Know-how kommt an. Kürzlich hielt er
einen Astro-Vortrag im nördlichen Waldviertel. An die 300 Menschen
folgten den Ausführungen des stets im seriös wirkenden Anzug
auftretenden Beraters. „Und das Erfreuliche war: Die sind alle
bis zum Schluss sitzen geblieben“, so Selimov. Dass es nach Kriterien
der westlichen Naturwissenschaften weder für die Wirksamkeit des
Feng-Shui-gerechten Möbelrückens noch für den Wahrheitsgehalt
von Horoskopen Belege gibt, störte die Zuhörer offenbar nicht.
Viele von Selimovs Zunftkollegen verzichten freilich auf das Berechnungsbrimborium
und schreiten unvermittelt zur Tat. Bei Intensivworkshops in entlegenen
Seminarhotels werden die Teilnehmer schon mal zu ungewöhnlichen
Körpererfahrungen verdonnert. Zeugen berichten von einem Seminarleiter,
der seine Kundschaft dazu brachte, sich auf den Rücken zu legen,
die Beine zu spreizen, um dann zu versuchen, Luft durch den Anus einzusaugen.
Nicht überliefert ist, ob die neue Körpersensation die Anwesenden
tatsächlich zum versprochenen „inneren Wachstum“ verholfen
hat.
Handauflegen. Wie weit
die einst ausschließlich in Patschuli-geschwängerten Studentenbuden
beheimatete Eso-Kultur schon in den Mainstream vorgedrungen ist, zeigt
das Kursprogramm des Wiener WIFI. Immerhin mit einem öffentlichen
Bildungsauftrag ausgestattet, bot das Institut bis vor Kurzem Kurse
in Astrologie an. Erst als Astronomen der Kuffner Sternwarte heftig
gegen die Pseudowissenschaft wetterten, verschwand der Kurs wieder aus
dem Programm. Weiterhin im Angebot sind jedoch Lehrgänge im Handauflegen,
Kursgebühr 305 Euro, Feng-Shui um 250 Euro, Aura Soma um 1390 Euro.
Bei Letzterem sollen die Absolventen ihren nachmaligen Klienten mithilfe
von bunten Fläschchen voller „Essenzen“ und nicht näher
bezeichneten „Kristallenergien“ zur „tiefen Innenschau“
verhelfen.
Überraschungen erlebten
auch Teilnehmer einer Selbsterfahrungsgruppe in Oberösterreich.
Als sie den Seminarraum betraten, fanden sie die Tür des angrenzenden
WCs ausgehängt und im Kühlschrank statt der erwarteten Wochenendvorräte
nur gähnende Leere. Beides, so erfuhren die verdutzten Ego-Nauten,
solle ihnen eingefahrene Gewohnheiten bewusst machen. Für Feng-Shui-Kenner
ist die ausgehängte Klotür übrigens ein schlimmer Fauxpas:
Nach dieser Lehre sollten Klodeckel und -türe stets gut verschlossen
sein, andernfalls drohe ein unbeabsichtigter Energieabfluss durch die
Kanalisation. Wer das besonders genau nimmt, hängt sich einen Spiegel
an die Außentür, dieser wirft das lebenswichtige, aber flüchtige
„Chi“ wieder zurück in den Wohnraum.
Wirrnisse wie diese wird
ein motivierter Selbstverwandler noch in Kauf nehmen können. Richtig
unangenehm kann der Psychotrip jedoch für Suchende werden, die
in die Hände eines überehrgeizigen „Familienaufstellers“
geraten. Das Verfahren, vom mittlerweile 82-jährigen Bert Hellinger
entwickelt, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Dabei verschiebt der
Klient Darsteller seiner Bezugspersonen im Raum, der Aufsteller kommentiert,
fragt nach, verschiebt und liefert bald seinen Befund. Ein „wissendes
Feld“ würde ihm dabei helfen, die tief liegenden Konflikte
zu erkennen, meint Hellinger. Innerhalb kürzester Zeit will er
vergessene Traumata aufdecken, verdrängte Trauer ausleben lassen
und schwere Familienkonflikte aussöhnen können.
Abhängigkeiten.
Viele Teilnehmer erleben die Aufstellung als extrem aufwühlend.
Manche sind begeistert und lassen sich umgehend selbst zum Aufsteller
ausbilden. Andere bleiben verstört zurück. Eine junge Ärztin,
die von Hellinger 1997 in Leipzig als „das kalte Herz“ der
Familie bezeichnet worden war, nahm sich tags darauf das Leben. Und
2004 erwürgte ein Rathausmitarbeiter aus Wien seine Freundin, wenige
Tage nachdem er an einer Aufstellung teilgenommen hatte – ein
kausaler Zusammenhang der beiden Ereignisse ist allerdings nicht erwiesen.
Gefahren ganz anderer Art drohen Menschen, die sich für die Kommunikations-
und Managementtechnik der Neurolinguistischen Programmierung (NLP) interessieren.
„Diese Technik hat viel mit Trance zu tun“, sagt Peter Schütz,
der selbst seit 25 Jahren NLP-Trainer ausbildet. „Wenn sich da
ein Trainer als Guru inszeniert, ist die Gefahr groß, dass Abhängigkeiten
entstehen.“ German Müller von der Bundesstelle für Sektenfragen
sieht noch eine weitere Gefahr auf dem grauen Psychomarkt. „Consulter,
die vorgeblich Verkaufs- und Managementkonzepte unterrichten, verbreiten
in Wahrheit die Lehre des Scientology-Gründers Ron Hubbard. Arglose
Kursteilnehmer sollten die Augen offen halten, ob nicht irgendwo auf
den Unterrichtsunterlagen die Initialen des Scientology-Gründers
(LRH) prangen.“
Und selbst die dümmlichen „Positiv
denken“-Fibeln können laut Expertenmeinung
Schaden anrichten. Etwa das Gute-Nacht-Lesebuch „Sorge dich nicht
– lebe!“ des Genre-Begründers Dale Carnegie aus dem
Jahr 1948. Er wisse „mit unumstößlicher Gewissheit,
dass das größte Problem – eigentlich beinahe sogar
das einzige –, mit dem Sie und ich mich herumschlagen müssen,
die Wahl der richtigen Gedanken ist“, schrieb Carnegie. Psychotherapeut
Günter Scheich hält das für gefährlich. „Wer
ständig eine Diskrepanz zwischen seinen Gefühlen und seinen
Gedanken hat, kann davon krank werden.“ Die überspannten
Erfolgserwartungen münden zuverlässig in umso herbere Enttäuschungen.
Abgesehen von diesen Nebenwirkungen sei die Gedankendressur jedoch wirkungslos,
meint Scheich. „Ein dummes Gehirn wird durch positives Denken
auch nicht klüger.“
Keine Beschwerden. Diese
Erfahrung musste auch Jürgen Höller machen. Jahrelang war
er als Motivationstrainer durch Sporthallen getingelt, peitschte sich
und sein Publikum mit wildem „Tschaka!“-Kampfgebrüll
auf, um so „Energieschübe“ auszulösen. 2001 versuchte
er, mit dem Geld enthusiasmierter Anleger einen weltweiten Fortbildungskonzern
zu gründen. Doch das Geld war bald weg, Höller meldete Konkurs
an und musste später wegen Untreue, Meineids und vorsätzlichen
Bankrotts ins Gefängnis. Mittlerweile arbeitet er an einem Comeback.
Erstaunlich dabei ist,
dass es kaum Menschen gibt, die sich nach der vorhersehbaren Bauchlandung
über Motivationstrainer, Coaches oder Energethiker beschweren.
„Die Leute schämen sich, weil sie auf einen Unsinn hereingefallen
sind“, glaubt Petra Lehner, Ernährungsexpertin der Arbeiterkammer.
So habe sich Anfang September ein Opfer bei ihr gemeldet, das von einer
Energethikerin statt um überzählige Kilos um viel Geld erleichtert
worden war. „Doch vor Gericht wollte die Dame dann doch nicht
gehen.“ Bleibt also gar keine Hoffnung auf Besserung beim Menschen?
Kleine Veränderungen, die zu einem besseren Auftreten oder vielleicht
– mit viel Mühe – zu einer glücklicheren Beziehung
verhelfen, halten die Experten für möglich. Auch der ehemalige
„Superman“ aus der Ordination von Günter Scheich musste
sich nach seiner Bruchlandung durch die Mühen der Ebene quälen.
Scheich: „Er hat begonnen, sich weiterzuqualifizieren. Denn letztlich
waren es ja nicht die falschen Gedanken, die ihm und seinen Firmen geschadet
haben, sondern das mangelnde Fachwissen.“
Von Gottfried Derka
Wir danken dem Online-Magazin PROFIL
(www.profil.at) für
die freundliche Erlaubnis zur übernahme des Artikels.
Orignial-URL: http://www.profil.at/articles/0837/560/219019/faule-geschaefte-lebenshilfe-ratgeber-die-versprechen-ratgebern
Literaturtipps:
- Günter Scheich: Positives Denken
macht krank, Eichborn (2002);
ISBN-13: 978-3821839042
- Bärbel Schwertfeger: Der Griff
nach der Psyche. Was umstrittene Persönlichkeitstrainer in Unternehmen
anrichten. Campus-Verlag, Frankfurt/New York, ISBN 3-593-35910-3.
- Bärbel Schwertfeger: Die
Bluff-Gesellschaft. Ein Streifzug durch die Welt der Karriere. Wiley-VCH,
2002, ISBN: 3527500383
- Michael Nüchtern, Medizin, Magie,
Moral - Über das Weltanschauliche in der Therapie. Stuttgart
1994, ISBN: 3-7867-1820-2.
- Frank Nordhausen / Liane von Billerbeck:
Psycho-Sekten, Fischer (Tb.), Frankfurt 1999, ISBN: 3596142407
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