Die Tage werden kürzer, die Temperaturen
sinken in den Keller und an allen Ecken und Enden tauchen Kürbisse
auf. Ein neuer Brauch scheint sich auch in unseren Breitengraden
durchzusetzen: Halloween. Bis vor wenigen Jahren kannte man den
Brauch nur aus amerikanischen Filmen, nahm interessiert zur Kenntnis,
wie Kinder verkleidet von Tür zu Tür liefen und mit
dem typischen Spruch: „Trick or Treat!“ („Süßes
oder Saures!“) um Süßigkeiten baten.
Den Handel freut’s
Mittlerweile kann man sich den werbenden Vorboten nicht
mehr entziehen: In den Kaufhäusern findet man neben den Kürbissen
in der Gemüseabteilung ganze Regale voller Imitate aus Ton,
Plastik oder Holz, dazu diverse Horrormasken, Schminkutensilien
und schaurige Kostüme. Über Bücher oder die verschiedensten
Angebote im Internet kann man sich informieren, wie man die Tage
(es handelt sich nämlich nicht mehr nur um die Nacht des
31. Oktobers) entsprechend gestalten kann: Gruselrezepte zum nachkochen
(z.B. für Vampirsuppe, Wackelpudding mit Spinnen, Ekelbowle
o.ä.), Partygags (die alle Bereiche des guten und weniger
guten Geschmacks abdecken) oder Dekorationstipps für Wohnung
und Garten wollen für eine perfekte Gestaltung sorgen. Die
„Fünfte Jahreszeit“, die eigentlich erst mit
dem 11.11. beginnt, wird also schon einige Wochen früher
eingeläutet. Den Handel wird’s freuen; bietet der Halloweenbrauch
doch eine ideale Möglichkeit, zwischen den Sommerangeboten
und der Weihnachtsware ein kleines Zwischenprogramm einzulegen.
Und da sowohl Kostüme als auch Masken nicht so recht zur
Faschings- bzw. Karnevalstradition passen, bleibt der Absatz für
die tollen Tage ab Mitte November gesichert.
Doch warum sollte man die Entwicklung des Kommerzes
nur kritisch sehen?
Die gesteigerte Nachfrage lässt das Angebot wachsen, was
Grundlage für eine gute Konjunktur ist!
Nach den warmen Sommertagen beginnen nun wieder die Tage in den
Wohnungen und Häusern. Wer jetzt sein trautes Heim mit kerzenbeleuchteten
Kürbissen schmückt, wird sich vielleicht darin wohler
fühlen.
Und wer mit Freunden und Bekannten feiert, sich dazu verkleidet
und „schaurige“ Büffets kreiert, der dürfte
dabei viel Spaß haben.
Ursprung
Halloween ist aber nicht nur eine neue Modeerscheinung
der modernen Erlebnisgesellschaft. Blickt man auf die Wurzeln
des Halloweenfestes zurück, so tritt auch der ursprünglich
ernste Charakter hervor. Nach dem irisch-keltischen Kalender wird
in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November das Fest „Samhain“
begangen. Man verabschiedet sich vom Sommer und bereitet sich
auf die kalte Jahreszeit vor, die für den Kelten zugleich
eine Zeit der Toten und der umherziehenden Dämonen ist. Anders
als für den modernen Menschen ist für den Kelten die
Existenz von Geistern und Dämonen so konkret, dass man in
jedem Augenblick damit rechnen muss, von diesen bösen Mächten
heimgesucht zu werden.
Der vormoderne Mensch sieht sich viel stärker dem Machtspiel
zwischen guten und bösen Kräften hilflos ausgeliefert.
Er ist von einem magischen Denken geprägt, wo Zauber und
Verwünschungen nur mit Gegenzauber und helfenden Ritualen
eingedämmt werden können. Mehr oder weniger hilflos
steht er dem finsteren Treiben übernatürlicher Kräfte
gegenüber und kann sich nur davor „schützen“,
wenn er zu geeigneten Gegenmaßnahmen greift: fürchterlich
anzuschauende Masken (vgl. Faschingsmasken), großer Krach
(vgl. Feuerwerk an Sylvester oder das Böllerschießen)
oder magische Schutzrituale sollen die Geister vertreiben. Um
sich selbst zu schützen, bleibt man in der „Zwischenzeit“
von Sommer und Winter im Hause und richtet die Zimmer her, damit
sich die umherirrenden Seelen der verstorbenen Familienmitglieder
willkommen fühlen. Speisereste bleiben auf dem Tisch stehen
und die Räume bleiben die ganze Nacht über aufgeheizt,
damit die Toten sich nicht an die Lebenden heranmachen; eine Begegnung
würde nämlich nach alter Überlieferung den baldigen
eigenen Tod bedeuten.
| Diese Tradition und der dahinterliegende
Glaube an die Macht der Kräfte aus dem Totenreich überdauert
die Generationen bis in die Zeit, wo sich der christliche
Glaube im Abendland immer weiter durchsetzt. Die christliche
Kirche, schon immer geschickt in der Integration ursprünglich
heidnischer Feste und Rituale in den eigenen christlichen
Glauben (man denke nur an die Festlegung des Weihnachtsfestes
auf das Fest des „Sol Invictus“) nimmt das heidnische
Fest in den eigenen Festtagskalender auf. Große Schwierigkeiten
mit der Umwidmung gibt es nicht, weil der Feiertag zum Gedenken
an die Gemeinschaft der Heiligen sehr eng mit dem Tod verbunden
ist; Allerheiligen gedenkt man der Menschen, die sich zu ihren
Lebzeiten besonders menschlich-christlich verhalten haben,
ihr Leben vielleicht sogar für ihren Glauben geopfert
haben und nun bei Gott sind. |
Der Brauch, eine Frucht auszuhöhlen,
geht auf eine irische Legende zurück. Einem Trinker
namens Jack soll es demnach gelungen sein, den Teufel
zu überlisten. Der Satan mußte ihm zusichern,
daß er für alle Ewigkeit auf seine Seele
verzichtete. Als Jack schließlich starb, wurde
er wegen seiner Trinkerei an der Himmelspforte abgewiesen.
Auch der Teufel durfte ihn nicht in die Hölle einlassen
- versprochen ist versprochen. Er gab Jack eine glühende
Kohle aus dem Höllenfeuer, damit er den Weg zurückfinde.
Jack nahm eine Steckrübe, die er als Proviant eingesteckt
hatte, höhlte sie aus und packte die Kohle hinein.
Da die Kohle aus der Hölle stammte, erlosch sie
nimmermehr. Fortan streifte Jack rastlos umher, da er
weder beim Teufel noch im Himmel willkommen war. Die
Kürbislampe wird ihm zu Ehren "Jack-o'-Lantern"
genannt. (nach: FAZ, 30.10.2001)
|
|
Auch das Fest Allerseelen, das am 2. November
begangen wird, ruft zum Gedächtnis und Ehrung der verstorbenen
Generationen auf und betont damit die Überzeugung, dass alle
Menschen, Lebende und Toten, einmal vereint sein werden im Reiche
Gottes.
Diese Tradition und der dahinterliegende Glaube
an die Macht der Kräfte aus dem Totenreich überdauert
die Generationen bis in die Zeit, wo sich der christliche Glaube
im Abendland immer weiter durchsetzt. Die christliche Kirche,
schon immer geschickt in der Integration ursprünglich heidnischer
Feste und Rituale in den eigenen christlichen Glauben (man denke
nur an die Festlegung des Weihnachtsfestes auf das Fest des „Sol
Invictus“) nimmt das heidnische Fest in den eigenen Festtagskalender
auf. Große Schwierigkeiten mit der Umwidmung gibt es nicht,
weil der Feiertag zum Gedenken an die Gemeinschaft der Heiligen
sehr eng mit dem Tod verbunden ist; Allerheiligen gedenkt man
der Menschen, die sich zu ihren Lebzeiten besonders menschlich-christlich
verhalten haben, ihr Leben vielleicht sogar für ihren Glauben
geopfert haben und nun bei Gott sind. Auch das Fest Allerseelen,
das am
2. November begangen wird, ruft zum Gedächtnis und Ehrung
der verstorbenen Generationen auf und betont damit die Überzeugung,
dass alle Menschen, Lebende und Toten, einmal vereint sein werden
im Reiche Gottes.
Der Name Halloween leitet sich von der englischen
Bezeichnung für das Allerheiligenfest ab, wo man von All
Saints’ Day spricht oder von All Hallows’ Day. Somit
meint Halloween ursprünglich den Abend vor Allerheiligen
und ist von seiner Bezeichnung her durch und durch christlich
motiviert.
Irische Einwanderer bringen im 19. Jahrhundert
das Fest mit seinem Namen mit an die Ostküste von Amerika.
Dort, wo es nur wenige Traditionen gibt, erfährt das Fest
schon bald eine enorme Beliebtheit. Im Laufe der folgenden Jahre
entwickelt sich das Fest immer weiter zu einer Kinderattraktion,
was durch Film und Fernsehen, aber auch durch die Werbung unterstützt
wird. Nicht zuletzt die Anziehungskraft, die von gruseligen und
geheimnisvollen Geschichten ausgeht, sorgt für den Boom,
den Halloween in unseren Tagen erlebt. Das magische Denken und
die damit verbundene Angst vor den übermächtigen Dämonen,
die ursprünglich Grundlage für die Herausbildung des
keltischen Festes waren, sind heute weitestgehend vergessen. Jedoch
wird das magische Denken und die damit verbundenen Ängste
wieder neu geschürt durch medienwirksame Warnungen seitens
konservativer und fundamentalistischer christlicher Kräfte.
Kritik von konservativ-fundamentalistischer Seite: Halloween
als satanistische Attacke
Mit dem Halloweenboom sprießen auch die kritischen
Kommentare gegen das „heidnische Fest“ wie Pilze aus
dem Boden. Nicht selten in kämpferischen Tönen wird
vor der „Lust am Gruseln“ gewarnt, ist geheimnisvoll
von anderen Bräuchen die Rede, die an Halloween gepflegt
würden und die einen dunkleren Hintergrund hätten. Ganz
sicher weiß man da von Satanisten- und Hexenkreisen, die
das Fest des Schreckens, des Grauens und des Todes begehen. Es
wird suggeriert, dass allein das anschauen von Filmen mit okkulten
Darstellungen oder das Lesen von entsprechenden Berichten in Zeitschriften
gefährlich ist, weil daraus schnell tödlicher Ernst
wird: „Denn wer mit übersinnlichen Erfahrungen herumexperimentiert,
gefährdet seine Seele. Er setzt sich okkulten Einflüssen
aus – den Einflüssen des Bösen.“ (ExtraBlatt
zu Halloween).
Doch mit den Drohungen nicht genug. Mit Bibelstellen sucht man
die Kritik zu untermauern und verweist auf Satan als den Gegenspieler
Gottes, der das Leben der Menschen zu zerstören sucht. Die
simple wie
angsteinflößende Botschaft lautet: Wer Halloween feiert,
steht in der Gefahr, sein Seelenheil zu verlieren! In den USA
fühlen sich einige christliche Gruppen sogar dazu berufen,
mit missionarischem Eifer das Halloweentreiben zu bekämpfen,
indem man sogenannte „Hell House“ entwickelt, wo Gemeinden
in Theaterszenen die Sünden des modernen Menschen anprangern
(Alkoholmissbrauch, Abtreibung, Homosexualität).
Doch was hat das alles mit Halloween noch zu tun?
Es drängt sich dem kritischen Beobachter der Eindruck auf,
dass hier eine Tradition dämonisiert wird, um die eigene
Botschaft mit Hilfe von Angst und Schrecken zum Siegeszug zu verhelfen.
Dabei werden nicht nur die Grenzen des schlechten Geschmacks überschritten.
Ganz abgesehen vom problematischen Bibelverständnis, das
den geäußerten Befürchtungen oftmals zu Grund
liegt, wird in unverantwortlicher Weise die Behauptung aufgesetzt,
das Satanisten Halloween missbrauchten, um für die eigenen
Umtriebe zu werben. Mit dieser platten Warnung stellt man sich
auf eine Stufe mit den Medien, die durch große Schlagzeilen
ihr Geld zu verdienen suchen und wenig Interesse an den Tag legen,
differenziert und abgewogen zu informieren.
Selbstverständlich bleibt unbestritten, dass es z.T. gut
organisierte satanische Gruppen gibt, die mit professionellem
Aufwand ihre Anschauung vermarkten, und selbstverständlich
ist jegliche sozialdarwinistische Ideologie, sei sie satanistisch
geprägt oder nicht, zu verwerfen. Doch pauschale Anschuldigungen,
die zudem den Anschein erwecken, als handele es sich bei den behaupteten
satanischen Umtrieben in der Nacht vor dem 1. November um ein
Massenphänomen, das zu einer ernsten Bedrohung für alle
arglosen Menschen in ganz Deutschland würde, helfen nicht
weiter. Ja, man kann sogar davon ausgehen, dass die Übertreibungen
– vermischt mit der Zutat „nichts Genaues weiß
man nicht“ – nur dazu führen, die sachliche und
begründete Aufklärung über die Strömungen
im Satanismus zu behindern.
Bedenkt man weiter, dass wohl die weitaus größte Anzahl
von Kindern, aber auch die allermeisten Erwachsenen Halloween
dazu nutzen, sich zu amüsieren und einen bunten Farbakzent
zu setzen im alltäglichen Allerlei zu einer Zeit, wo die
Tage dunkler, dafür die Temperaturen niedriger werden, dann
erscheint die ganze Kritik mindestens wie das Schießen mit
Kanonen auf Spatzen, wenn nicht sogar als völlig absurd.
Besinnung und Besinnungslosigkeit
Mit der Zurückweisung der Kritik an Halloween,
wie sie aus christlich-fundamentalistischen Gruppen ertönt,
darf jedoch nicht jede Anfrage verstummen. Gerade in einer Zeit,
die geprägt ist von Ruhelosigkeit und Schnelligkeit, gerade
in einer Gesellschaft, die das Weiter, Größer, Schöner
und Mehr zum nahezu alleinigen Maßstab erklärt, gerade
wo der Tod und die eigene Sterblichkeit in professioneller Art
und Weise verdrängt wird, stellt sich die Frage, ob wir uns
das leisten können, einen weiteren Gedenktag zu opfern.
Das Weihnachtsfest wird schon von vielen Menschen nur noch als
belastende Herausforderung erlebt. Die Disko am 2. Weihnachtstag
wird zum rettenden Ufer im Kampfgetümmel von Geschenken und
Familienfehde. Der Karfreitag wird jedes Jahr aufs Neue hinterfragt
(von Ostern ganz zu schweigen) und nun sind auch die Feste an
der Reihe, die uns und unser eigenes Leben relativieren, in dem
sie uns daran erinnern, das es vor uns Menschen gab und auch nach
uns Menschen geben wird, und das wir alle sterblich sind.
Vielleicht kann man beides miteinander verbinden:
Die Freude und den Spaß des Halloweenfestes genießen,
aber das Totengedenken und die Meditation über die eigene
Sterblichkeit dabei nicht vernachlässigen. Dann bräuchte
Halloween auch nicht als Konkurrenz verstanden zu werden, die
man zu bekämpfen habe.
Axel Seegers
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